Neuwahl des Generaldirektors des ORF

Ein Beitrag zur Diskussion über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich.

Die anstehende Wahl des ORF-Generaldirektors hat in den vergangenen Wochen eine intensive Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ausgelöst.

Auch mich beschäftigt die Frage, wie sich der ORF in einer medial, technologisch und gesellschaftlich tiefgreifend veränderten Landschaft positionieren kann — nicht zuletzt aufgrund meiner eigenen beruflichen Vergangenheit im und rund um den ORF.

Die aktuelle Diskussion zeigt zugleich, dass viele Menschen das bestehende Verfahren und die strukturelle Nähe zwischen Politik und ORF zunehmend kritisch sehen. Exemplarisch dafür steht etwa der profil-Newsletter „Das Frühstück“ von Anna Thalhammer vor Pfingsten („ORF: Der Berg ruft, die Partei auch“): Link zum Artikel

Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der für Demokratie, Vielfalt und publizistische Unabhängigkeit stehen soll, müsste eigentlich auch bei seiner Führungsauswahl offen für unterschiedliche Zugänge, Biografien und Perspektiven sein. Genau das wird jedoch zunehmend schwieriger — selbst wenn nur ein Teil dessen zutrifft, was Thalhammer beschreibt.

Dieses Papier ist daher keine Bewerbung, sondern ein publizistischer Beitrag zur Debatte über die Zukunft des ORF.

Denn unabhängig davon, wer Generaldirektor wird, bleibt die eigentliche Frage bestehen: Welche Rolle soll öffentlich-rechtlicher Rundfunk künftig überhaupt noch erfüllen — in einer Medienlandschaft, die sich technologisch, wirtschaftlich und kulturell radikal verändert hat?

Vieles, was dazu derzeit diskutiert wird, erscheint mir zu kurzfristig, zu technisch oder zu stark auf parteipolitische Logiken reduziert. Die grundlegende publizistische und kulturelle Frage gerät dabei oft in den Hintergrund.

Ich halte den ORF nach wie vor für eine der wichtigsten kulturellen und demokratischen Institutionen dieses Landes, die derzeit weit unter ihrem wahren Wert geschlagen wird. Bemerkenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass gerade Vertreter privater Medienunternehmen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk über Jahre massiv kritisiert haben, nun verstärkt Anspruch auf dessen zukünftige Gestaltung erheben.

Der ORF muss nicht gerettet, umgekrempelt, saniert oder komplett reformiert werden. Er braucht eine starke Führung, die auch stark sein darf oder die man stark sein lässt. Bitte keine Verwechslung von Stärke mit schlechtem Stil.

Es ist leicht erkennbar, dass ich nicht mit allem, was hier vorgeht, einverstanden bin – geschenkt. Meine Überlegungen, die über weite Strecken deutlich anders ausgefallen sind, will ich nicht einfach in der Schublade verschwinden lassen. Ich veröffentliche dieses Konzept daher nicht als Bewerbung, sondern als Beitrag zur Diskussion über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich.

Der ORF ist aus meiner Sicht kein Sanierungsfall, sondern kulturelles Kapital dieses Landes. Die eigentliche Frage lautet daher nicht nur, wer den ORF die nächsten Jahre führt. Entscheidend ist vielmehr, welches Verständnis von öffentlich-rechtlichen Medien wir als Gesellschaft künftig überhaupt noch haben wollen.

Dahinter steht letztlich eine grundsätzliche Frage: Sind Information, Unterhaltung, Kultur und gesellschaftliche Orientierung öffentliche Güter – oder sollen sie primär privaten Marktmechanismen überlassen werden?

Vielleicht entsteht daraus Widerspruch. Vielleicht Zustimmung. Vielleicht eine Debatte. Ende der 70er Jahre hat mich der legendäre Dr. Peter Dusek an einer Schulfunkserie als Co-Autor mitarbeiten lassen, nachdem ich ihm in einer Club 2 Debatte als Schülervertreter aufgefallen war. Die Serie hieß: „Umdenken, Neubeginnen“ – gilt vielleicht heute nach fast 50 Jahren mehr denn je.

Ergänzung: Ausdrücklich festhalten möchte ich, dass sich meine Überlegungen nicht gegen einzelne Kandidatinnen oder Kandidaten richten. Einige der genannten Persönlichkeiten kenne und schätze ich aus unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen seit vielen Jahren. Meine Entscheidung ist daher keine persönliche, sondern eine grundsätzliche Einschätzung der strukturellen Rahmenbedingungen solcher Verfahren.

I. Die eigentliche Frage

Die seit Mai veröffentlichten Namen und Persönlichkeiten, die in den Medien als Wunschkandidaten bezeichnet werden, führen direkt zur eigentlichen Frage, die Anfang Juni entschieden wird: Medienmanager oder journalistisch-inhaltliche Kompetenz mit langjähriger Erfahrung von innen – das ist die Grundsatzentscheidung, die der Stiftungsrat mit dieser Bestellung trifft.

Die Antwort hängt m.E. von einer vorgelagerten Diagnose ab:

Ist der ORF ein Sanierungsfall? Braucht er jemanden, der ein angeschlagenes Unternehmen restrukturiert, Schulden abbaut, Personal abbaut, Strukturen verschlankt – nach der Logik eines Sanierungsspezialisten oder Insolvenzverwalters?

Meine Antwort lautet: Nein. Ganz sicher nicht.

Wer den ORF primär als Sanierungsfall betrachtet, unterschätzt seinen gesellschaftlichen Wert und riskiert, genau jene publizistische und kulturelle Substanz zu beschädigen, die seinen eigentlichen Auftrag ausmacht. Der ORF ist kein Unternehmen ohne Perspektive. Er ist ein dem Grunde nach hervorragend aufgestellter öffentlich-rechtlicher Medienbetrieb mit kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einer einzigartigen technischen Infrastruktur, einem gesetzlichen Auftrag und einer Marke, die trotz aller Angriffe und Fehler weiterhin Vertrauen genießt.

Was der ORF braucht, ist keine Zerschlagungsrhetorik oder ein dramatisch formuliertes Reformbekenntnis und schon gar keine symbolische Sparpolitik, sondern eine strukturelle Modernisierung mit klarem publizistischem Kompass.

Er braucht eine Führung, die vorhandene Exzellenz freisetzt – und den organisatorischen, technologischen und finanziellen Rahmen schafft, in dem Qualität nicht behindert, sondern ermöglicht wird.

Das ist eine andere Aufgabe. Und sie verlangt ein anderes Profil und einen anderen Blickwinkel auf das Unternehmen und die Fragen, denen sich der ORF stellen muss.

Ich weigere mich auch, das Fehlverhalten einzelner Führungskräfte und wahrscheinlich auch weniger Mitarbeiter zu generalisieren und daraus eine Krise des Unternehmens zu zimmern. Ja, das geht nicht, hat die amtierende GD klar formuliert. Für mich sind die Geschehnisse das Ergebnis einer schwachen Führung. Womit ich wieder bei den eher als systemisch zu bezeichnenden Ergebnissen der bis jetzt üblichen Gepflogenheiten bei der Bestellung der Geschäftsführung wäre.

II. Strukturprioritäten

Die programmatische und organisatorische Weiterentwicklung des ORF wird sich aus meiner Sicht auf einige zentrale Strukturprioritäten konzentrieren müssen:

Information und Nachrichten - der öffentlich-rechtliche Kernauftrag des ORF
  • Stärkung von ZIB 1 und ZIB 2 als publizistische Leitmarken, als tägliches Nachrichtenhochamt des Landes.
  • Konzentration auf Relevanz, Verlässlichkeit und journalistische Tiefe statt bloßer Formatvermehrung.
  • Evaluierung redundanter Nachrichten- und Magazinstrukturen.
  • Ausbau investigativer und analytischer Kompetenz.
Digitalstrategie und Distribution - hier entscheidet sich die zukünftige Relevanz des ORF
  • Konsequenter Ausbau der ORF-Mediathek zu einer plattformübergreifenden öffentlich-rechtlichen Infrastruktur.
  • Entwicklung eigenständiger digitaler Formate statt bloßer TV-Zweitverwertung.
  • Ausbau von Podcast-, Dokumentations- und Shortform-Angeboten.
  • Stärkere strategische Auseinandersetzung mit Plattformlogik, algorithmischer Öffentlichkeit und digitaler Sichtbarkeit.
  • Proaktiver Dialog mit allen Stakeholdern über die Erweiterung des gesetzlichen Rahmens dafür.

Entertainment, Infotainment, kulturelles Kapital - öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist mehr als Information allein

  • Unterhaltung und Entertainment gehören mit demselben publizistischen Selbstverständnis zum öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF wie die Information. Gerade in einem kleinen Land wie Österreich sind gemeinsame kulturelle Referenzpunkte, Unterhaltung, Sport, Musik, Kabarett, Film und große Fernsehereignisse Teil jener gesellschaftlichen Kohäsion, die öffentlich-rechtliche Medien überhaupt erst legitimiert.
  •  Infotainment – also die Schnittstelle zwischen Information, Einordnung und Unterhaltung – wird in seiner Bedeutung oft unterschätzt. Gerade diese Formate schaffen häufig jene Reichweite und Publikumsnähe, die notwendig sind, um auch komplexe gesellschaftliche Themen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
  • Kulturelles Kapital äußert sich auf mehreren Ebenen. Einerseits ist nahezu jedes gesellschaftliche Handeln kulturell geprägt – vom Alltag bis zur Politik. Andererseits ist der ORF selbst eines der wichtigsten kulturellen Gedächtnisse des Landes: als Archiv österreichischer Geschichte, Sprache, Bilder, Debatten, Musik, Sportmomente und gemeinsamer Erinnerungen.
  • Dazu zählt ausdrücklich auch die Entwicklung fiktionaler Stoffe. Film, Serie und Fernsehfiktion sind keine Nebensache des öffentlich-rechtlichen Auftrags, sondern zentrale Formen gesellschaftlicher Selbstbeschreibung. Österreichische Stoffe verdienen mehr Sichtbarkeit, mehr strategische Aufmerksamkeit und eine bewusstere programmatische Verankerung.
Organisation und interne Innovation - Qualität braucht effiziente und lernfähige Strukturen
  • Prüfung organisatorischer Doppelstrukturen und ineffizienter Schnittstellen.
  • Förderung interner Innovationsgruppen und stärkerer Wissenstransfer zwischen Redaktionen, Technik und Produktion.
  • Mehr Verantwortung und Gestaltungsspielraum für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit operativer Erfahrung.
  • Reformen nicht primär von außen dekretieren, sondern gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses entwickeln.

Finanzen und wirtschaftliche Verantwortung

Die wirtschaftliche Verantwortung des ORF darf nicht auf die Frage reduziert werden, ob sich durch lineare Kürzungen oder politisch formulierte Einsparungsziele kurzfristig Budgeteffekte erzielen lassen. Ein öffentlich-rechtlicher Sender ist keine Excel-Tabelle, sondern eine komplexe kulturelle Infrastruktur, deren Qualität unmittelbar von den vorhandenen personellen, technischen und redaktionellen Ressourcen abhängt.

Das bedeutet nicht, dass Reformen oder Reduktionen vermeidbar wären – im Gegenteil. Wirtschaftliche Verantwortung bedeutet, den Mitteleinsatz permanent zu hinterfragen und dort zu reduzieren, wo Geld keine publizistische oder programmatische Wirkung entfaltet.

Ich halte es allerdings für unseriös, pauschale Einsparungsziele oder Personalreduktionen zu versprechen, ohne zuvor Produktionsabläufe, Doppelstrukturen, technische Prozesse und organisatorische Schnittstellen im Detail analysiert zu haben.

Meine Erfahrung als Produzent internationaler Film- und Fernsehproduktionen hat mir vermittelt, dass wirtschaftliche Führung weit mehr bedeutet als bloßes Verwalten oder das Abarbeiten organisatorischer Vorgaben. Große Produktionen erfordern präzise Planung, exakte Kostenkontrolle, permanentes Cashmanagement und die Fähigkeit, komplexe Finanzierungsmodelle unter erheblichem Zeitdruck stabil zu steuern. Wenn monatlich Sozialabgaben und Produktionskosten in sechs- oder siebenstelliger Höhe anfallen, genügt es nicht, Fördermittel lediglich weiterzureichen. Wirtschaftliche Verantwortung bedeutet aktiven budgetären Gestaltungswillen, genaue Kontrolle und laufende Evaluierung aller Prozesse.

Das Potenzial dafür liegt nach meiner Überzeugung weniger in spektakulären Einzelmaßnahmen als in der Summe vieler intelligenter Verbesserungen – organisatorisch, technisch und strukturell. Gleichzeitig wird es notwendig sein, auch größere Kostenblöcke kritisch zu evaluieren.

Ziel muss dabei immer sein: nicht weniger Qualität, sondern mehr Wirkung mit den vorhandenen Mitteln.

III. Der ORF als kulturelles Kapital

Ein meritorisches Gut – und die politische Entscheidung dahinter

Einen ORF, der sich ohne Gebühren finanziert, gibt es nicht. Das ist keine Schwäche, das ist seine strukturelle Natur – und wer das nicht versteht und darüber hinaus glaubt, dass der ORF wie ein Privatsender zu wirtschaften hat, führt die falsche Diskussion. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sind in der Regel meritorische Güter: Sie werden durch gesetzlich festgelegte Gebühren oder direkt aus dem Staatshaushalt finanziert, weil die Gesellschaft sie für wertvoller hält, als der Markt allein zu honorieren bereit ist.

Das gilt, wie ich in meiner Masterarbeit an der FH St. Pölten (jetzt Universität St. Pölten USTP) ausgeführt habe, in analoger Weise für die Filmförderung bzw. generell für den Bereich Kultur. Der Befund ist strukturell identisch: Ein öffentliches Gut finanziert sich durch Gebühren oder Steuermittel – nicht weil es zu schwach ist für den Markt, sondern weil der Markt allein nicht in der Lage ist, seinen gesellschaftlichen Wert abzubilden. Die verpflichtende Sozialversicherung gilt als oft zitiertes Beispiel eines meritorischen Gutes, weil der Staat davon ausgeht, dass Menschen ihre eigene soziale Absicherung oft unterschätzen oder aus kurzfristigen Gründen zu wenig vorsorgen würden.

Ritzberger, Wolfgang: Filmförderung in Österreich, Untersucht nach historischen Bezügen, ökonomischen Effekten und im internationalen Vergleich. FH St. Pölten [2020]

vergleiche auch: Musgrave, Richard A.: The Theory of Public Finance. A Study in Public Economy. McGraw-Hill, New York [1959]

Die Vorstellung, ein öffentlich-rechtlicher Vollanbieter wie der ORF könne in einem kleinen Markt wie Österreich vollständig privatwirtschaftlich finanziert werden, ignoriert die strukturellen Entwicklungen des europäischen Medienmarktes. Selbst private Sendergruppen und reichweitenstarke Vollprogramme stehen unter massivem wirtschaftlichem Druck – trotz deutlich engerer programmlicher Verpflichtungen.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob öffentlich-rechtliche Medien Geld kosten, sondern ob eine Gesellschaft bereit ist, jene publizistische, kulturelle und demokratische Infrastruktur zu finanzieren, die der Markt allein nur eingeschränkt hervorbringen würde.

Es ist eine letztlich politische Entscheidung, ob man einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk will. Und wenn ja: wie man ihn finanziert – über eine Haushaltsabgabe oder direkt aus dem Bundeshaushalt. Man muss sich dabei nur im Klaren sein, was man jeweils dafür bekommt. Und was man verliert, wenn man es nicht tut.

Die Landwirtschaft als Modell

Lisa Giehl hat in ihrer Dissertation über Filmförderung in Deutschland – gestützt auf Pierre Bourdieus Kapitaltheorie – argumentiert, dass es gelingen muss, den Film aus der Debatte um Arbeitsplätze und wirtschaftliche Kennzahlen herauszulösen und ihn als kulturelles Kapital zu verstehen: als gesellschaftlichen Wert, der sich rein wirtschaftlicher Messung entzieht, aber dennoch real und unverzichtbar ist.

Giehl, Lisa: Kulturelles Kapital. Filmförderung in Deutschland. Herbert von Halem Verlag, Köln [2024]

Diese Argumentationsfigur lässt sich direkt auf den ORF übertragen. Und die Landwirtschaft zeigt, wie das gelingt: Sie hat es geschafft, über ihre Rolle als Lebensmittelproduzentin hinaus auch die Funktion der Landschaftspflege, des Umweltschutzes und der kulturellen Identität in ihr gesellschaftliches Image zu integrieren. Sie ist nicht mehr nur Agrarwirtschaft – sie ist Teil eines kulturellen Erbes und erhält dafür gesellschaftliche Legitimation und politische Rückendeckung, die weit über den reinen Produktionswert hinausgeht.

Der ORF ist das Äquivalent in der Medienwelt: Er ist nicht nur ein Sender, der Programme produziert. Er ist kulturelles Kapital Österreichs. Er ist das, was eine Gesellschaft über sich selbst erzählt – täglich, in allen neun Bundesländern, in Information und Unterhaltung, in Hörfunk und Fernsehen und zunehmend digital.

Dieses Selbstverständnis hat der ORF in der Außenkommunikation und damit in der Wahrnehmung der letzten Jahrzehnte weitgehend verloren. Das wird die eigentliche Aufgabe der neuen Führung sein: den ORF als kulturelles Kapital Österreichs neu zu verankern, in der Wahrnehmung des Publikums, der Politik und der Gesellschaft.

Öffentlich-rechtlich heißt nicht Staatsfunk

Diese Unterscheidung muss klar benannt und klar gelebt werden. Politiker und Parteien haben ein legitimes Interesse daran, sich und ihre Anliegen im ORF darstellen zu können – das ist nicht nur tolerierbar, das ist Teil des demokratischen Medienauftrags eines öffentlich-rechtlichen Senders. Dafür braucht es Formate, die diesen Austausch ermöglichen: von der Pressestunde bis zu neuen, noch zu entwickelnden Sendeformaten.

Zum Staatsfunk wird eine Sendeanstalt dann, wenn die Redaktion nicht mehr frei entscheiden kann, was sie sendet – sondern wenn sie verordnet bekommt, was sie nicht senden darf. Diese Abgrenzung muss sich auf den gesetzlichen Rahmen berufen können und muss täglich neu gelebt und manchmal auch verteidigt werden, von der Führung und der Redaktion, nach innen und nach außen. Es darf streng genommen nicht einmal der Eindruck entstehen, dass der ORF nicht selbst bestimmt, was über den Sender geht.

Beim ORF stellt sich diese Frage nicht. Derzeit. Wobei der Ruf nach einem Manager, nach einem Sanierer, nach massiven Einsparungen so wahrgenommen werden könnte, als ob eine Kürzung des ORF-Budgets einen solidarischen Beitrag zur Situation des Bundeshaushaltes leisten oder gegen die Teuerung wirken könnte. Wohin das führen kann, zeigt das Beispiel des griechischen öffentlich-rechtlichen Senders ERT, der 2013 geschlossen wurde – als Folge jahrelanger Klientelpolitik, die aus einer einst bedeutenden Rundfunkanstalt ein strukturell reformunfähiges Gebilde gemacht hatte. Die Schließung war ein Schock für die griechische Demokratie, die Wiederöffnung 2015 löste das strukturelle Problem nicht, weil die falsche Frage gestellt worden war. Voraussetzung ist daher, dass das Bekenntnis zu einem starken öffentlich-rechtlichen ORF ernst gemeint ist.

IV. Der ORF im europäischen Vergleich

Ein kleines Land, ein großer Auftrag

Der ORF wird in der öffentlichen Debatte regelmäßig mit deutschen Sendern verglichen – und dabei regelmäßig falsch bewertet, weil der Vergleich schlicht unfair angesetzt ist.

Der Südwestrundfunk (SWR) erzielte 2024 Gesamteinnahmen von rund 1,3 Milliarden Euro. Der Bayerische Rundfunk (BR) kam auf 1,2 Milliarden. Der ORF liegt mit etwa 1,1 Milliarden Euro in ähnlicher Größenordnung. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Budget, sondern im Auftrag: Der SWR versorgt zwei Bundesländer – Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 16 Millionen Menschen. Er betreibt zwei Fernsehkanäle und sechs Radioprogramme, mit Hauptsitzen in Stuttgart, Baden-Baden und Mainz, sowie regionalen Korrespondentenbüros in beiden Bundesländern. Der SWR ist streng genommen ein Landesstudio.

Der ORF versorgt mit ähnlichem Budget das gesamte Staatsgebiet mit 9 Millionen Einwohnern: zwei TV-Sender plus Spartensender, drei Radioprogramme und neun Landesstudios. Er ist damit nicht nur Medienbetrieb – er ist Spiegel der österreichischen Realverfassung. Wer z.B. die Landesstudios als Kostenposition diskutiert, diskutiert in Wahrheit den österreichischen Föderalismus. Das ist eine politische, keine betriebswirtschaftliche Frage.

Und der BR? Er versorgt Bayern – 13 Millionen Einwohner, ein Bundesland – und gilt innerhalb der ARD als einer der stärksten Landessender. Der ORF leistet in einem souveränen Kleinstaat strukturell mehr, mit weniger Mitteln, für weniger Menschen. Das ist keine Entschuldigung für Ineffizienz – es ist der Rahmen, innerhalb dessen jede seriöse Bewertung stattfinden muss.

Die BBC: Europas Maßstab für öffentlich-rechtliche Unabhängigkeit

Die BBC gilt zu Recht als das Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Europa – und sie finanziert sich durch eine Gebühr, die politisch regelmäßig unter Druck gerät. Das BBC-Gesamtbudget 2024/25 betrug rund 5,9 Milliarden Pfund, davon 3,8 Milliarden aus der Rundfunkgebühr, der Rest aus kommerziellen Aktivitäten. Zum Vergleich: Österreich finanziert mit 1,1 Milliarden Euro eine Rundfunkanstalt, die – gemessen an Einwohnerzahl und BIP – vergleichbare Aufgaben erfüllt.

Was die BBC von anderen unterscheidet, ist nicht die Größe des Budgets, sondern die Klarheit des Auftrags und die Entschlossenheit der Führung, diesen Auftrag gegen politischen Druck zu verteidigen. Das ist das Modell – nicht im Detail, aber im Prinzip.

V. Programmstrategie

ZIB 1 und ZIB 2: Das Hochamt der Nachrichten

Der gravierendste Selbstschaden der jüngeren Vergangenheit war die Erosion der ZIB 1 als tägliches Nachrichtenhochamt. Die Nicht-Durchschaltung war kein technischer Fehler – sie war ein Akt der Selbstbeschädigung. Das im ersten Kanal auf diesem Sendeplatz verlorene Publikum ist dauerhaft verloren. Selbst die erneute Ausstrahlung der ZIB auf beiden Kanälen hat bis heute das so verlorene Publikum nicht zurückgewinnen können. Die quantitative Ausweitung kleiner Nachrichtenformate über den Tag konnte das nicht kompensieren – im Gegenteil, die Fragmentierung verdünnt das Gewicht jedes einzelnen Formats.

Die programmatische Grundentscheidung lautet: Zwei echte Nachrichtenkathedralen zur besten Sendezeit – ZIB 1 und ZIB 2 – mit der redaktionellen Tiefe, der Vorbereitung und dem Gewicht, das sie verdienen. Weniger Fragmentierung. Mehr Substanz. Und die konsequente Analyse, welche der vielen kleinen Formate tatsächlich einen eigenständigen Beitrag zur Grundversorgung leisten – und welche schlicht Sendeplatzverfüllung sind.

Ein konkretes Beispiel: Ein langjähriger kaufmännischer Direktor des ORF bezeichnete den Verkauf der Bundesligarechte an einen deutschen Privatsender als Sündenfall, der nie wieder gutzumachen sei – nicht in erster Linie wegen der Quoten, sondern weil der ORF damit ein Versprechen gebrochen und eine Erwartung des Publikums nicht erfüllt hat. Das ist der Verlust von kulturellem Kapital, und Sport ist ohne Zweifel Teil unserer Alltagskultur, das sich nicht zurückkaufen lässt.

Österreichische Identität: Operette, Kleinkunst, Film

Ernst Wolfram Marboe hat vor etlichen Jahren in einer öffentlichen Diskussion darauf hingewiesen, dass die Operette eine der genuinen, autochthonen österreichischen Visitenkarten im Bereich der darstellenden Kunst sei und hat hier eine der Chancen auf unverwechselbare Angebote des ORF gesehen. Ich würde das heute sinngemäß erweitern: um die vielen Spielarten der Kleinkunst und des Kabaretts – Gattungen, in denen Österreich eine einzigartige Tradition hat – und natürlich um das dem ORF verwandte und von allen TV-Anstalten dringend benötigte Medium Film. Was jetzt nicht heißen soll, dass Oper, Theater und Konzerte keine Rolle mehr spielen sollen.

Das bestehende Film- und Fernsehübereinkommen ist ein Anfang, kein Endpunkt. Ich sehe dort erheblichen Spielraum für eine strukturelle Neuausrichtung: nicht weniger Film, sondern weniger Nicht-Film. Eine echte Partnerschaft mit der österreichischen Filmwirtschaft – auf Augenhöhe, nicht nur im Auftraggeber-Nehmer-Verhältnis – würde österreichische Inhalte stärken und die Sichtbarkeit österreichischer Kultur erhöhen.

Linear ist Print – und die Marke bleibt

Lineares Fernsehen hat, wie der Printjournalismus, ein Ablaufdatum als dominantes Medium. Aber die Marke ORF ist nicht an das lineare Signal gebunden – sie ist ein Qualitätsversprechen. Dieses Versprechen muss plattformunabhängig eingelöst werden.

Ein Blick auf die Printmedien: Die Kronen Zeitung hat nach den neusten Crossmedia-Analysen ihre Druckauflage in den letzten Jahren halbiert – und erreicht nach wie vor etwa zwei Millionen Leserinnen und Leser (ca. 26% Marktanteil), weil die digitalen Ausgaben mitgerechnet werden. Das Prinzip ist dasselbe wie damals, als die Druckauflage noch höher war. Der Kanal hat sich verändert, der Anspruch, die Marke ist gleich geblieben.

Der ORF muss diesen Schritt konsequent vollziehen: Mediathek, Podcast-Formate, digitale Korrespondentennetzwerke, On-Demand-Angebote – all das sind Verlängerungen der Marke, keine Konkurrenz zum linearen Programm. Der Maßstab bleibt dabei immer derselbe: Ist das das Beste, was wir zu bieten haben? Ist es verlässlich, ist es korrekt, ist es österreichisch in dem Sinne, dass es das Land und seine Gesellschaft abbildet?

VI. Digitalstrategie

Digitale Transformation bedeutet nicht, dass ein Generaldirektor jedes technologische Detail selbst beherrschen muss. Führung bedeutet nicht, alles selbst besser zu wissen, sondern die richtigen Expertinnen und Experten zusammenzubringen, ihnen zuzuhören und daraus strategische Entscheidungen abzuleiten.

Eine der wesentlichsten Veränderungen digitaler Medienlogik besteht darin, dass die klassische Zielgruppe zunehmend an Bedeutung verliert. An ihre Stelle treten Taste Clusters – Publikumsgruppen, die weniger über Alter oder soziale Herkunft definiert werden als über gemeinsame Interessen, Sehgewohnheiten und kulturelle Präferenzen. Entscheidend ist nicht mehr primär der Sendeplatz, sondern die Relevanz des Inhalts für bestimmte Communities und Nutzungsformen.

Gerade deshalb gewinnen Originals, also eigenständige und unverwechselbare Inhalte, massiv an Bedeutung. Plattformen leben nicht von Austauschbarkeit, sondern von Identität.

Der amerikanische Strategietheoretiker Jay Barney formulierte Anfang der 1990er Jahre mit den sogenannten VRIN-Kriterien (valuable, rare, inimitable, non-substitutable) ein Modell zur Beschreibung langfristig erfolgreicher Organisationen. Entscheidend sind demnach Ressourcen, die wertvoll, selten, schwer imitierbar und nicht einfach ersetzbar sind. Genau darin liegt auch die besondere Stellung öffentlich-rechtlicher Medien.

Der eigentliche Wert des ORF liegt nicht allein in seiner technischen Infrastruktur oder Marktposition, sondern in historisch gewachsenen Ressourcen wie Vertrauen, kultureller Verankerung und gesellschaftlicher Legitimation – Werte, die sich weder kurzfristig herstellen noch einfach kopieren lassen.

Der ORF verfügt bereits heute über hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bereichen Digitalisierung, Technik, Datenverarbeitung und plattformorientierter Produktion. Aufgabe der Führung wird es sein, dieses Wissen stärker zu bündeln und mit externen technologischen Entwicklungen zu vernetzen.

Keine moderne Medienstrategie kann die Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz ignorieren. KI wird Produktions-, Recherche-, Archivierungs- und Distributionsprozesse nachhaltig verändern und öffentlich-rechtlichen Medien helfen können, effizienter, zugänglicher und präziser zu arbeiten. Der ORF sollte diese Entwicklung nicht passiv beobachten, sondern aktiv Kooperationen mit Forschung, Technologieunternehmen und der Kreativwirtschaft suchen.

Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass künstliche Intelligenz menschliche Kreativität, publizistische Verantwortung und redaktionelles Urteilsvermögen nicht ersetzen wird können. KI ist ein Werkzeug – kein Ersatz für journalistische, kulturelle und kreative Kompetenz.

Ausbau des digitalen Angebots – und die notwendige Gesetzgebung dazu

Der Kern einer digitalen Strategie für den ORF ist im Grunde einfach: Alles, was öffentlich-rechtlich produziert wird, muss dort verfügbar sein, wo Öffentlichkeit heute tatsächlich stattfindet: on demand, plattformübergreifend, barrierefrei, in hoher technischer Qualität und ohne künstliche Verfallsdaten für gesellschaftlich relevante Inhalte.

Darüber hinaus braucht es Formate, die tatsächlich für digitale Nutzung entwickelt werden – nicht bloß Fernsehsendungen, die zusätzlich ins Netz gestellt werden. Podcasts, dokumentarische Shortforms, interaktive Formate und digitale Erzählformen werden künftig noch stärker darüber entscheiden, ob jüngere Publikumsgruppen öffentlich-rechtliche Inhalte überhaupt noch wahrnehmen.

Der eigentliche Hemmschuh liegt nicht primär im ORF selbst, sondern im gesetzlichen Rahmen. Das ORF-Gesetz beschränkt die digitale Entwicklung des Senders deutlich stärker als vergleichbare europäische Modelle. Diese Einschränkungen sind historisch nachvollziehbar und Ergebnis politischer Kompromisse – insbesondere mit privaten Medienunternehmen und Printverlagen, die eine zu starke Marktposition des ORF im Digitalen befürchten. Diese Sorge ist legitim. Die Antwort darauf kann jedoch nicht sein, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk digital strukturell zu schwächen.

Qualität als messbares Versprechen

Digitale Transformation bedeutet nicht nur neue Kanäle – sie bedeutet auch eine neue Qualitätsdebatte. Was ist Qualität im digitalen ORF? Klickzahlen sind das falsche Maß. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der nach Klicks optimiert, verliert seinen Auftrag.

Lassen Sie mich Ansätze dafür skizzieren:

  • Verlässlichkeit – nicht Reichweite zählt, sondern: Wem vertrauen Menschen in Krisen und bei wichtigen Informationen?
  • Relevanz – nicht jeder Klick ist gleich viel wert – entscheidend sind Tiefe, Wissensgewinn und gesellschaftliche Bedeutung.
  • Orientierung – öffentlich-rechtliche Nachrichten bieten einen gemeinsamen Referenzpunkt für gesellschaftlich Wichtiges.
  • Kohäsion – der Markt misst Reichweite und optimiert Zielgruppen – der ORF verbindet unterschiedliche Alters- und Gesellschaftsgruppen.
  • Kulturelles Gedächtnis – der ORF produziert nicht nur Content, sondern bewahrt österreichische Geschichte, Kultur und Identität.
  • Vertrauens-Marktanteil – wichtiger als Zuschauerzahlen ist die Frage: Welchem Medium vertraut die Bevölkerung? Der eigentliche Marktanteil ist Vertrauen!
  • Attention Quality – öffentlich-rechtliche Medien optimieren nicht maximale Erregung, sondern relevante und verantwortungsvolle Aufmerksamkeit.
  • Bedeutung statt Reaktion – private Plattformen organisieren aufgeregte Aufmerksamkeit – öffentlich-rechtliche Medien organisieren Relevanz.

Allianz mit dem Publikum – die wichtigste

In den 1980er Jahren, als ich das aufkommende Regionalfernsehen im Studio NÖ miterleben und mitgestalten durfte, wurden ORF-Teams noch willkommen geheißen, zum Mittagessen eingeladen. Mittlerweile – und das ist eine beobachtbare Verschiebung, keine Übertreibung – muss man aufpassen, nicht mit dem Stecken vom Hof gejagt zu werden.

Was ist da geschehen? Wie konnte es dazu kommen, dass alle ORF-Mitarbeiter in der öffentlichen Wahrnehmung hunderttausende Euro pro Jahr kassieren? Was wurde hier an Kommunikation versäumt, verschlafen, zugelassen?

Diese Entfremdung ist das eigentliche strukturelle Problem des ORF – mehr als jede Finanzierungsfrage. Dem Publikum muss erklärt werden, warum es den ORF finanziert. Und dass mit den Rundfunkbeiträgen sorgsam umgegangen wird. Da werden keine Werbekampagnen helfen, keine noch so ausgeklügelten PR-Strategien.

Es muss daher gelingen, dem Publikum folgende Fragen zu beantworten: Was bekomme ich für mein Geld? Was würde fehlen, wenn es den ORF nicht gäbe? Wer ist dann die österreichische Stimme?

Allianz mit der Politik – klar und ohne Illusionen

Die Politik schafft die Rahmenbedingungen und definiert die Spielregeln. Wer das ignoriert, agiert naiv. Jeder darf sich etwas wünschen, darf sich beschweren, darf seine Meinung sagen – das ist das gute Recht aller in einer Demokratie. Daraus abzuleiten, dass sich der ORF daran halten muss, wäre ein Missverständnis des öffentlich-rechtlichen Auftrags.

Aber: Der ORF muss der Politik Möglichkeiten bieten, sich und ihre Anliegen darzustellen. Das ist demokratische Normalität, kein Staatsfunk. Die Pressestunde war so gedacht – und es gibt Raum für neue Formate dieser Art. Kritik aus der Politik ist eine Erkenntnisquelle. Druck aus dieser Richtung auszuhalten ist Aufgabe der Führung – und es gilt, diesen Druck von den Mitarbeitern fernzuhalten.

Allianz mit der Filmwirtschaft – ein brachliegender Schatz

Die Filmwirtschaft ist ein natürlicher Partner des ORF, kein bloßer Zulieferer. Das Film- und Fernsehübereinkommen ist ein Anfang, kein Endpunkt. Hier sehe ich erhebliche Luft nach oben: Koproduktionsstrukturen, gemeinsame Entwicklung von Stoffen, eine stärkere Verankerung des österreichischen Films in der ORF-Primetime. Eine echte Allianz würde beiden nützen.

Allianz mit Mitbewerbern und Kritikern

Auch die Konkurrenz sollte einbezogen werden. Ein starker ORF nützt einem starken österreichischen Mediensystem insgesamt, weil er Standards setzt. Die Printmedien, die den ORF in der digitalen Frage bekämpfen, sind dieselben Medien, die von einem glaubwürdigen öffentlichen Qualitätsstandard profitieren. Auch Kritiker des ORF und seiner Konstruktion sind produkti

VIII. Führungsphilosophie

Ich reflektiere hier Erfahrungen – nicht mehr und nicht weniger. Als junger Redakteur hatte ich das Privileg, unterschiedliche Führungs Stile aus der Nähe zu erleben. Beeindruckend war natürlich Gerd Bacher.

Gerd Bacher war vor allem eines: ein hervorragender Journalist. Einer, der sich bei den Salzburger Nachrichten wahre Schlachten mit seinem Chefredakteur geliefert hat – heute kaum mehr vorstellbar. Wer selbst gelernt hat, einem Mächtigen zu widersprechen und dafür einzustehen, weiß aus eigener Erfahrung, was Widerspruch wert ist. Bacher hat das gewusst. Deshalb hat er Querdenker nicht geduldet, sondern gesucht. Er kannte den Unterschied zwischen jemandem, der widerspricht weil er Recht haben will – und jemandem, der widerspricht weil er Recht hat oder davon überzeugt ist.

Ein Haus, in dem nur noch genickt wird, produziert Mittelmäßigkeit. Nicht weil die Menschen mittelmäßig wären, sondern weil Mittelmäßigkeit das einzige ist, das in einem solchen Klima überleben kann.

Ein Postkasten im ORF-Atrium, offen für Ideen und Anregungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wäre nach zwei Wochen randvoll – und hätte mehr substanzielle Reformvorschläge geliefert als manches teure Consulting-Projekt. Die besten Ideen für den ORF sind bereits im Haus. Sie warten nicht auf Erlaubnis – sie warten auf Gehör.

Raum schaffen für Exzellenz, die bereits vorhanden ist. Den Karrieristen – nicht den Ehrgeizigen, das ist ein wesentlicher Unterschied – den Weg abschneiden. Entscheidungen treffen und dazu stehen. Und den Druck von außen dort abfangen, wo er hingehört: an der Spitze, nicht in den Redaktionen.

IX. Zu meiner Person

Dieses Konzept beginnt nicht mit mir – und es endet auch nicht mit einer Bewerbung. Einige sachliche Klarstellungen sind mir jedoch wichtig.

Meine Tätigkeit als Pressesprecher von Wolfgang Schüssel liegt dreißig Jahre zurück. Meine Mitgliedschaft in einer CV-Verbindung ist bekannt und öffentlich. Wer daraus eine aktuelle politische Festlegung ableiten möchte, übersieht meine berufliche Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte: kein Parteibuch, keine politisch abgesicherte Karriere innerhalb staatsnaher Strukturen, keine Aufsichtsratsfunktionen, sondern unabhängige Filmproduktion, Lehrtätigkeit, Publizistik und unternehmerische Tätigkeit.

Ich bin ORF-sozialisiert. Fast zwanzig Jahre als Journalist, Redakteur und Regisseur haben mich geprägt. Ich kenne das Haus von innen, kenne die Politik von innen und ich kenne die Filmindustrie von innen.

Ich bin dem ORF für vieles dankbar. Ich hatte Vorgesetzte, die mir Möglichkeiten eröffnet und Vertrauen geschenkt haben, von denen ich lernen durfte. Ich habe aber auch negative Erfahrungen gemacht. Aus beidem schöpfe ich – und aus beidem habe ich gelernt.

Natürlich wird ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk niemals völlig unabhängig von Politik sein können. Das wäre naiv. Die Politik definiert die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer der ORF arbeitet. Gerade deshalb braucht es eine Geschäftsführung, die mit allen relevanten Stakeholdern gesprächs- und arbeitsfähig bleibt – mit dem Gesetzgeber, mit privaten Medien, mit der Kultur, mit der Wirtschaft und mit der Gesellschaft selbst.

Die Vorstellung völliger Distanz ist oft eher Fiktion als Realität. Publizistische Unabhängigkeit zeigt sich nicht im Fehlen von Beziehungen, Biografien oder Standpunkten, sondern in der Fähigkeit, trotz all dessen frei urteilen zu können. Genau darin liegt vermutlich eine der eigentlichen Herausforderungen dieser Bestellung — sofern die Idee eines unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks mehr sein soll als bloße Rhetorik.

Fazit

Der ORF braucht keine Sanierung, kein Managementconsulting und keine technokratischen Rettungsphantasien. Er braucht eine programmatische und eher symbolische Neugründung auf Basis dessen, was er schon ist: das verlässlichste österreichische Medium, mit exzellenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einem einzigartigen gesetzlichen Auftrag und der historischen Chance, sich als kulturelles Kapital Österreichs neu zu verankern.

Vertrauen lässt sich nicht downloaden.

Wolfgang Ritzberger, M.A.

Zur Person

Wolfgang Ritzberger, geboren 1961 in Wien, arbeitete von 1978 bis 1996 beim ORF – als Redakteur in der ZIB 2, im Hörfunk (Ö3, Schulfunk, Kinderfunk) und im Lokalfernsehen des Studio NÖ. Heute ist er als Produzent, Regisseur, Autor und Buchverleger tätig.

Sein erfolgreichstes Werk als Produzent ist Die beste aller Welten (2017), uraufgeführt bei der Berlinale 2017. Der Film wurde mit dem Österreichischen Filmpreis für besten Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Hauptdarstellerin und besten Nebendarsteller ausgezeichnet sowie mit mehr als 100 weiteren nationalen und internationalen Preisen, von Hyderabad bis Los Angeles, Ritzberger selbst bekam dafür eine Goldene Romy, den österr. Filmpreis, den Produzentenpreis der Diagonale und den Award „best movie“ bei mehr als 20 Festivals weltweit. Von 2005 bis kurz nach Ende der COVID-Pandemie war Ritzberger Chefredakteur des Fachmagazins mediabiz. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und schloss ein Studium der Film- und Medienwissenschaften an der Universität für angewandte Wissenschaften St. Pölten (USTP) mit dem Akademischen Grad Master of Arts (MA) ab. Seit 2021 ist er nebenberuflicher Lektor an der USTP im Bereich nachhaltige Film- und Medienproduktion. Als zertifizierter Green Film Consultant berät er Filmproduktionen und Veranstaltungen.