Vorbemerkung
Tun wir mal so als ob.
Anfang Juni wählt der Stiftungsrat einen neuen Generaldirektor des ORF. Ich bin nicht im Rennen. Mit 65 bin ich auch nicht mehr im Rennen-Alter, sondern eher im „Was hab ich mir dabei gedacht"-Alter. Trotzdem habe ich aufgeschrieben, was ich zu sagen hätte, wenn mich jemand fragte. Das hat mir der Verzicht auf die Bewerbung erlaubt: höflich zu bleiben, aber nicht weichgespült.
Tun wir also so, als würde ich mich der Vorstellung hingeben, dass das Verfahren ein offenes wäre. Tun wir so, als hätten Konzepte Einfluss auf die Entscheidung. Tun wir so, als ginge es darum, wer den ORF am besten führen kann — und nicht darum, wer in welcher Zeitung mit welcher Begründung als Wunschkandidat genannt wird.
Was wir derzeit erleben, ist näher an Herzblatt als an einem Hearing. Eine Rose pro Runde, der Stiftungsrat als Casting-Jury, und beim großen Finale tritt der Auserwählte vor und sagt, dass er den ORF endlich „auf Augenhöhe mit den großen europäischen Sendern" bringen wolle — was, mit Verlaub, beim ORF nicht das schwierigste Versprechen sein dürfte.
Trotzdem: tun wir so als ob.
Wolfgang Ritzberger · LinkedIn · 2026
„Es handelt sich dabei nicht um eine Bewerbung und auch nicht um die Formulierung eines persönlichen Anspruchs — ich bin 65, entgegen allen Bemühungen und Beteuerungen der Politik wird man in dem Alter nicht mehr engagiert —, sondern um ein bewusst persönliches Statement.
Ich verdanke dem ORF sehr viel. Sehr viel Gutes. Naja — und wo Licht ist, ist auch Schatten.“
Was Sie hier lesen, hat zwei Stimmen, die aber eine sind. Die eine ist der publizistische Beitrag, den ich Ende Mai 2026 verfasst habe — eine ordentliche, höfliche Version dessen, was ich zur Lage des ORF zu sagen habe. Die andere ist eine knappere Form derselben Sache, die ich vor einem Vierteljahrhundert auf der Bühne als Theuer & Schlächt gemeinsam mit Guido Mancusi gespielt habe. Beide reden, wenn man genau hinhört, über dasselbe Thema. Es hat sich nur die Wortwahl geändert.
Wer das Original anhören möchte: Theuer & Schlächt auf YouTube
Neuwahl des Generaldirektors des ORF
26. Mai 2026
Ein publizistischer Beitrag zur Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich.
Die anstehende Wahl des ORF-Generaldirektors hat in den vergangenen Wochen eine intensive Debatte ausgelöst. Was darin gesagt wird, ist meist zu kurzfristig, zu technisch oder zu sehr auf parteipolitische Logiken reduziert. Die grundlegende Frage gerät in den Hintergrund.
I. Die eigentliche Frage
Seit Mai geht in den Zeitungen ein Reigen von Namen herum, die als Wunschkandidaten gehandelt werden. Wer genau liest, erkennt die eigentliche Frage hinter dem Reigen: Medienmanager — oder journalistisch-inhaltliche Kompetenz mit langjähriger Erfahrung von innen. Mehr ist nicht zu entscheiden, Anfang Juni. Welche Antwort der Stiftungsrat darauf gibt, wissen wir bereits aus den Zeitungen, die im Mai erschienen sind. Was das Hearing dazu noch beiträgt, werden die kommenden Tage zeigen.
Die Antwort hängt von einer vorgelagerten Diagnose ab. Ist der ORF ein Sanierungsfall? Braucht er jemanden, der ein angeschlagenes Unternehmen restrukturiert, Schulden abbaut, Personal abbaut, Strukturen verschlankt — nach der Logik eines Insolvenzverwalters mit guter Excel-Tabelle? Diese Frage wird derzeit in den Medien überraschend einheitlich beantwortet. Dass sich die Öffentlichkeit dabei vor allem auf jene Stimmen verlässt, die das Haus von außen kennen und einen Auftrag haben, es zu zerlegen, ist eine eigene Pointe.
Meine Antwort lautet:
Nein. Ganz sicher nicht.
Wer den ORF für einen Sanierungsfall hält, möge sich kurz die Abwicklung des Eurovision Song Contest in Wien vergegenwärtigen. Ein Live-Event dieser Größenordnung mit weltweitem Publikum wird einem Haus, das strukturell am Boden liegt, nicht anvertraut. Niemand anderer in diesem Land könnte das überhaupt stemmen. Hinter dieser Leistung stehen Menschen — Technikerinnen, Redakteure, Producer, Regie, Bühne, Organisation, Übertragungstechnik — ein ganzes Haus, das gezeigt hat, was es kann, wenn man es lässt.
Ich habe das auf der Bühne, vor 25 Jahren, schon einmal in einer knapperen Form gesagt:
Damals saß Zeiler schon als RTL Boss in Köln und wir hatten einen Generaldirektor namens Weis. Heute ist Zeiler einer der Chefs eines US-amerikanischen Unterhaltungsriesen, Gerhard Weis ist, leider, schon von uns gegangen, und der nächste, der nicht möchte, dass die ZIB ehrlich informiert, sitzt schon in den Startlöchern. Es hat sich, mit Verlaub, in den entscheidenden Punkten nicht viel geändert. Was sich geändert hat, ist die Wortwahl in den Bewerbungspapieren. Heute heißt das dort, was damals im Lied stand, „medial, technologisch und gesellschaftlich tiefgreifend veränderte Landschaft." Klingt höflicher. Macht sich besser. Trifft die Sache nicht.
Der ORF ist kein Sanierungsfall. Im Gegenteil: ein dem Grunde nach hervorragend aufgestellter öffentlich-rechtlicher Medienbetrieb mit kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einer einzigartigen technischen Infrastruktur, einem gesetzlichen Auftrag und einer Marke, die trotz aller Angriffe und Fehler weiterhin Vertrauen genießt. Was er hat, ist ein Image-Problem, ein Politik-Problem, und manchmal auch ein Personal-Problem an der Spitze. Was er nicht hat, ist ein Existenz-Problem.
Was er braucht, ist keine Zerschlagungsrhetorik und keine Excel-Tabelle, sondern eine strukturelle Modernisierung mit klarem publizistischem Kompass. Eine Führung, die vorhandene Exzellenz freisetzt, statt sie zu verwalten. Eine Führung, die den Druck aushält, wenn sie nicht senden möchte, was die Regierung gerade gerne sehen würde. Meine persönliche Meinung, in der Riege der ORF Chefs war für mich Gerd Bacher ein Leuchtturm, zweimal wurde er mehr oder weniger elegant de-installiert, und er kam wieder.Das war das Maximum, was scheints zu holen war, ein Gerd Bacher hätte heute nicht einmal Außenseiterchancen.. Was eigentlich sehr schade ist, denn wie meinte Bacher sinngemäß, er gehöre keinem Klub an, denn ein Klub der ihn aufnehmen würde, mache ihn misstrauisch.
II. Strukturprioritäten
An dieser Stelle würde der publizistische Beitrag, den Sie hier lesen, jetzt eine ordentliche Liste der Strukturprioritäten präsentieren. Information, Digital, Entertainment, Organisation, Finanzen. Fünf Sektionen, jede mit fünf Bullet Points. So macht man das. Habe ich auch gemacht.
Im Originaltext sieht das dann etwa so aus:
Information und Nachrichten
der öffentlich-rechtliche Kernauftrag
- → Stärkung von ZIB 1 und ZIB 2 als publizistische Leitmarken
- → Konzentration auf Relevanz, Verlässlichkeit, journalistische Tiefe
- → Evaluierung redundanter Magazinstrukturen
- → Ausbau investigativer Kompetenz
— alles richtig.
steht in jedem Bewerbungspapier.
Das Problem an solchen Listen ist nicht, dass sie falsch wären. Das Problem ist, dass jeder Bewerber genau dieselben Punkte aufschreiben wird, mit minimalen Variationen. Es klingt nach Substanz, ist aber Verpackung. Wer den ORF reformieren möchte, muss sagen können, was er konkret meint, wenn er „Stärkung der ZIB" sagt.
Ich meine damit Folgendes: Der gravierendste Selbstschaden der jüngeren Vergangenheit war die Erosion der ZIB 1 als tägliches Nachrichtenhochamt. Die Nicht-Durchschaltung war kein technischer Fehler. Sie war ein Akt der Selbstbeschädigung. Das im ersten Kanal auf diesem Sendeplatz verlorene Publikum ist dauerhaft verloren, auch wenn die ZIB heute wieder auf beiden Kanälen läuft. Die Fragmentierung in viele kleine Nachrichtenformate über den Tag verteilt verdünnt das Gewicht jedes einzelnen Formats.
Was ich meine: zwei Nachrichtenkathedralen zur besten Sendezeit, mit der redaktionellen Tiefe, der Vorbereitung und dem Gewicht, das sie verdienen. Weniger Fragmentierung. Mehr Substanz. Und die ehrliche Analyse, welche der vielen kleinen Formate tatsächlich einen Beitrag zur Grundversorgung leisten — und welche schlicht Sendeplatzverfüllung sind.
Ein konkretes Beispiel, das mir ein langjähriger kaufmännischer Direktor des ORF erzählt hat: der Verkauf der Bundesligarechte an einen deutschen Privatsender sei ein Sündenfall gewesen, der nie wieder gutzumachen sei. Nicht in erster Linie wegen der Quoten — sondern weil der ORF damit ein Versprechen gebrochen und eine Erwartung des Publikums nicht erfüllt hat. Das ist der Verlust von kulturellem Kapital, das sich nicht zurückkaufen lässt. Sport ist Teil unserer Alltagskultur, ob man das mag oder nicht.
Finanzen und wirtschaftliche Verantwortung
— der ORF muss schlanker werden
- → Doppelstrukturen prüfen
- → Kostenblöcke evaluieren
- → Mitteleinsatz hinterfragen
- → Effizienz heben
— auch wahr.
auch in jedem Bewerbungspapier.
Bevor wir alle gemeinsam einnicken: das, was hier wirklich gesagt werden sollte, lautet anders. Wirtschaftliche Verantwortung bedeutet nicht, Einsparungen zu versprechen, die man dann durch Personalreduktion einlösen muss. Wirtschaftliche Verantwortung bedeutet, jeden ausgegebenen Euro daraufhin zu prüfen, ob er publizistische oder programmatische Wirkung entfaltet. Das ist eine andere Aufgabe. Sie ist langwieriger, weniger schlagzeilentauglich, und sie verlangt Detailkenntnis statt Excel-Akrobatik.
Ich habe als Filmproduzent gelernt, was das bedeutet. Eine Spielfilmproduktion in Österreich kommt mit zwei Millionen Euro Budget gerade so durch — als Richtwert nach unten, und ehrlich gesagt schon unterfinanziert. Realistisch reden wir bei Produktionen, die international wahrgenommen werden, von drei Millionen aufwärts. Zum Vergleich: in Frankreich liegt das Durchschnittsbudget bei rund fünf Millionen. Bei einem Dreh stehen schnell hundertfünfzig bis zweihundert Menschen am Set, dazu Post-Production, Sound, Musik, Lizenzen. Die monatlichen Lohnabrechnungen sind siebenstellig, der Cashflow muss über Monate auf den Tag genau geplant werden. Da reicht es nicht, Fördermittel weiterzureichen. Da muss Liquidität verwaltet, Risiko eingeschätzt, jeder Tag am Drehplan budgetiert werden. Wer das einmal gemacht hat, weiß, dass wirtschaftliche Führung etwas anderes ist als das, was am Ende des Quartals in der Tabelle steht.
Ein öffentlich-rechtlicher Sender ist keine Excel-Tabelle.
Er ist eine komplexe kulturelle Infrastruktur, deren Qualität unmittelbar von den vorhandenen personellen, technischen und redaktionellen Ressourcen abhängt. Wer den ORF als Excel-Tabelle behandelt, verwechselt das Werkzeug mit dem Werk. Zahlen sind nützlich. Sie sind nicht die Sache.
Wir haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, mit großer Geste Versprechungen zu machen, die sich im Nachhinein nicht halten lassen. Auch das habe ich vor einem Vierteljahrhundert auf der Bühne schon einmal gesungen:
Damals an Schüssel und seine Sanktionsreden, an Ferrero-Waldner und ihre diplomatischen Pirouetten. Heute an alle, die ungedeckte Versprechen über die Zukunft des ORF in die Welt setzen. „Wir bringen den ORF auf Augenhöhe mit den großen europäischen Sendern." „Wir sanieren das Haus." „Wir sparen 200 Millionen ein." — Was ist ein Versprechen noch wert, wenn man weiß, dass es niemand einlösen wird und niemand einlösen kann?
Die drei weiteren Sektionen, die in solchen Papieren stehen — Digital, Entertainment, Organisation — bekommen ihre eigenen Kapitel. Hier nur so viel: Digitalstrategie ist eine Frage des gesetzlichen Rahmens, nicht des Bekenntnisses. Entertainment und Infotainment sind kein Beiwerk des öffentlich-rechtlichen Auftrags, sondern Teil seiner Grundsubstanz. Organisation entwickelt sich von innen, nicht durch Consulting von außen.
Was bleibt als gemeinsamer Nenner aller Strukturprioritäten:
Nicht weniger Qualität.
Mehr Wirkung mit den vorhandenen Mitteln.
III. Der ORF als kulturelles Kapital
Ein meritorisches Gut — und die politische Entscheidung dahinter.
Einen ORF, der sich ohne Gebühren finanziert, gibt es nicht. Das ist keine Schwäche, das ist seine strukturelle Natur. Wer das nicht versteht und glaubt, dass der ORF wie ein Privatsender zu wirtschaften hat, führt die falsche Diskussion. Mit der Vehemenz hingegen, mit der diese falsche Diskussion derzeit geführt wird, könnte man auch fordern, dass Krankenhäuser sich gefälligst über den Markt finanzieren sollen. Wäre vermutlich der ehrlichere Vorschlag, weil er sofort als das erkennbar wäre, was er ist.
Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten gehören in die Kategorie der meritorischen Güter. Ein Begriff, der seit Musgraves Theory of Public Finance 1959 zur Standardliteratur der Finanzwissenschaft gehört, was hilft, weil man dann in der Diskussion etwas vorlegen kann, das nicht jeder gleich versteht. Meritorisch heißt einfach: die Gesellschaft hält etwas für wertvoller, als der Markt allein zu honorieren bereit wäre. Deshalb wird es durch gesetzliche Gebühren oder direkt aus dem Staatshaushalt finanziert. Sozialversicherung. Film. Kultur insgesamt. Und eben der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Ich habe das in meiner Masterarbeit an der USTP länger ausgeführt — der Befund ist immer derselbe: ein öffentliches Gut finanziert sich nicht, weil es zu schwach wäre für den Markt, sondern weil der Markt allein nicht in der Lage ist, seinen Wert abzubilden.
Musgrave, Richard A.: The Theory of Public Finance. McGraw-Hill, New York 1959.
Ritzberger, Wolfgang: Filmförderung in Österreich. FH St. Pölten 2020.
Wolfgang Ritzberger · LinkedIn · 2026
„Das ist eine politische Entscheidung. Die Wissenschaft spricht hier von meritorischen Gütern — also Unternehmungen, die sich eigentlich nicht selbst tragen können und daher, weil wir sie wollen oder brauchen, staatlich mitfinanziert werden. Die Sozialversicherung ist ein weiteres Paradebeispiel.
Und die Kultur? Die finanziert sich auch nicht von allein. Nirgendwo auf der Welt. Deshalb wird sie subventioniert — direkt, wie bei uns, oder über Steuermodelle, wie etwa in den USA. Übrigens keine moderne Erfindung: Das funktioniert schon seit der Antike.“
— aus dem Beitrag über die Einstellung des Wiener Nachtzugs nach Paris. Was für die Bahn gilt, gilt für die Kultur und gilt für den ORF: dieselbe Logik, derselbe Denkfehler bei denen, die sie übersehen.
Die Vorstellung, ein öffentlich-rechtlicher Vollanbieter wie der ORF könne in einem kleinen Markt wie Österreich vollständig privatwirtschaftlich finanziert werden, ignoriert die Realität des europäischen Medienmarktes. Selbst große private Sendergruppen mit deutlich engeren programmlichen Verpflichtungen stehen unter massivem wirtschaftlichem Druck. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob öffentlich-rechtliche Medien Geld kosten. Die Frage lautet, ob eine Gesellschaft bereit ist, jene publizistische, kulturelle und demokratische Infrastruktur zu finanzieren, die der Markt allein nur eingeschränkt hervorbringen würde.
Es ist eine politische Entscheidung, ob man einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk will. Wenn ja: ob man ihn über eine Haushaltsabgabe oder direkt aus dem Bundeshaushalt finanziert. Man muss sich nur im Klaren sein, was man jeweils dafür bekommt — und was man verliert, wenn man es nicht tut.
Die Landwirtschaft als Modell
Lisa Giehl hat in ihrer Dissertation über deutsche Filmförderung — gestützt auf Pierre Bourdieus Kapitaltheorie — argumentiert, dass es gelingen muss, den Film aus der Debatte um Arbeitsplätze und wirtschaftliche Kennzahlen herauszulösen und ihn als kulturelles Kapital zu verstehen. Als gesellschaftlichen Wert, der sich der wirtschaftlichen Messung entzieht, aber dennoch real und unverzichtbar ist.
Klingt kompliziert. Die Landwirtschaft macht es uns vor, ohne ein Buch über Bourdieu gelesen zu haben. Sie hat es geschafft, über ihre Rolle als Lebensmittelproduzentin hinaus auch Landschaftspflege, Umweltschutz und kulturelle Identität in ihr Image zu integrieren. Die Almbäuerin, die einen Hektar Wiese bewirtschaftet und drei Kühe melkt, wird nicht mehr als landwirtschaftlicher Kleinbetrieb wahrgenommen, sondern als Trägerin österreichischer Kultur. Und sie bekommt Förderung dafür. Das ist legitim, das ist klug, und das ist das Modell.
Wenn es die Landwirtschaft geschafft hat, ihren Wert über die Erzeugung von Milch und Getreide hinaus politisch zu verankern, sollte der ORF das auch zusammenbringen. Was er erzeugt, ist nicht weniger wichtig für dieses Land.
Giehl, Lisa: Kulturelles Kapital. Filmförderung in Deutschland. Halem Verlag, Köln 2024.
Der ORF ist das, was eine Gesellschaft über sich selbst erzählt.
Täglich, in allen neun Bundesländern, in Information und Unterhaltung, in Hörfunk und Fernsehen, zunehmend digital. Dieses Selbstverständnis hat der ORF in den letzten Jahrzehnten in der Außenkommunikation weitgehend verloren — und damit in der Wahrnehmung von Publikum, Politik und Gesellschaft. Das wird die eigentliche Aufgabe der neuen Führung sein: den ORF als kulturelles Kapital Österreichs neu zu verankern.
Öffentlich-rechtlich heißt nicht Staatsfunk
Diese Unterscheidung muss klar benannt und klar gelebt werden. Politiker und Parteien haben ein legitimes Interesse, sich und ihre Anliegen im ORF darzustellen — das ist nicht nur tolerierbar, das ist Teil des demokratischen Medienauftrags. Dafür braucht es Formate, die diesen Austausch ermöglichen: von der Pressestunde bis zu neuen, noch zu entwickelnden Sendeformaten.
Zum Staatsfunk wird eine Sendeanstalt erst, wenn die Redaktion nicht mehr frei entscheiden kann, was sie sendet — sondern wenn ihr verordnet wird, was sie nicht senden darf. Es darf streng genommen nicht einmal der Eindruck entstehen, dass der ORF nicht selbst bestimmt, was über den Sender geht.
Auch hier hat das Kabarett vorgearbeitet. In unserem Programm Kurzgeschichten aus 2021 spielt eine Szene im Jahr 2034. Ein Tour-Guide führt durch das umgebaute Bundeskanzleramt — und kommt an einem Telefonapparat vorbei:
Im selben Sketch wird Klenk wegen „journalistischer Wiederbetätigung" verhaftet, und der Tiroler Landeskuckuck wird vor der ZIB 2 noch schnell parteipolitisch abgestimmt. 2021 war das Kabarett. 2026 lesen wir manche Stellen, ohne dass die Pointe noch zünden muss.
Beim ORF stellt sich die Staatsfunk-Frage derzeit nicht. Der Ruf nach einem Sanierer, nach massiven Einsparungen, ist allerdings so formuliert, als ob eine Kürzung des ORF-Budgets einen solidarischen Beitrag zur Lage des Bundeshaushaltes leisten oder gegen die Teuerung wirken könnte. Das ist eine wohlfeile Erzählung. Eine, die im Café sehr gut funktioniert, beim ersten Viertelachterl. Beim zweiten wird es schon dünner.
Wohin so etwas führen kann, zeigt das Beispiel der griechischen ERT. 2013 zugesperrt. Nach jahrelanger Klientelpolitik, die aus einer einst bedeutenden Rundfunkanstalt ein strukturell reformunfähiges Gebilde gemacht hatte. Die Schließung war ein Schock für die griechische Demokratie. 2015 wieder aufgesperrt. Mit halbem Personal, halbem Budget, ganzem Problem. Das ist die Logik solcher Verfahren: erst kaputtmachen, dann beklagen dass es kaputt ist, dann mit halbem Geld wieder aufmachen und sich wundern, warum es nicht funktioniert.
Voraussetzung für eine ernstgemeinte Bestellung wäre also, dass das Bekenntnis zum starken öffentlich-rechtlichen ORF ernst gemeint ist. Wer den Job aus Höflichkeit bekommt, weil er sich gemeldet hat und niemand anders übrig war, wird das Haus nicht retten. Höflichkeit ist eine schöne Sache. Im Stiftungsrat ist sie selten genug. Aber sie ersetzt keinen Auftrag.
IV. Im europäischen Vergleich
Ein kleines Land, ein großer Auftrag.
Der ORF wird in der öffentlichen Debatte regelmäßig mit deutschen Sendern verglichen — und dabei regelmäßig falsch bewertet, weil der Vergleich schlicht unfair angesetzt ist.
Der Südwestrundfunk erzielte 2024 Gesamteinnahmen von rund 1,3 Milliarden Euro. Der Bayerische Rundfunk kam auf 1,2 Milliarden. Der ORF liegt mit etwa 1,1 Milliarden Euro in ähnlicher Größenordnung. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Budget, sondern im Auftrag.
Der SWR versorgt zwei deutsche Bundesländer — Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz — mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 16 Millionen Menschen. Zwei Fernsehkanäle, sechs Radioprogramme, drei Hauptsitze, regionale Korrespondentenbüros. Der SWR ist, etwas zugespitzt formuliert, ein gut ausgestattetes Landesstudio. Der Bayerische Rundfunk versorgt 13 Millionen Bayern, ein Bundesland, und gilt innerhalb der ARD als einer der stärksten Landessender.
Der ORF versorgt mit ähnlichem Budget das gesamte Staatsgebiet eines souveränen Kleinstaates. 9 Millionen Einwohner, zwei TV-Sender plus Spartensender, drei Radioprogramme im nationalen Vollprogramm, neun Landesstudios mit eigenständigen Redaktionen, kompletter Außenpolitik-Apparat, eigene Bundesländer-Berichterstattung, eigenständige Kulturproduktion. Der ORF leistet in einem souveränen Kleinstaat strukturell mehr, mit weniger Mitteln, für weniger Menschen.
Wer die Landesstudios als Kostenposition diskutiert, diskutiert in Wahrheit den österreichischen Föderalismus.
Das ist eine politische Frage, keine betriebswirtschaftliche. Wer die Landesstudios reduzieren will, soll das offen sagen und mit den Landeshauptleuten ausverhandeln. Mit dem Generaldirektor des ORF kann er das nicht ausverhandeln — der erfüllt einen gesetzlichen Auftrag, der dem politischen Konsens vorausgegangen ist. Ein Landeshauptmann, dem man sein Landesstudio wegnehmen will, wird übrigens schneller zum glühenden Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, als man „Strukturreform" sagen kann.
Das ist keine Entschuldigung für Ineffizienz. Es ist der Rahmen, innerhalb dessen jede seriöse Bewertung stattfinden muss. Wer Wien mit Stuttgart vergleicht, vergleicht zwei verschiedene Sachen — und tut meistens so, als wüsste er das nicht.
Wie Österreich im europäischen Konzert wahrgenommen wird, das war übrigens schon im Jahr 2000 ein Thema auf unserer Bühne. Damals, als ganz Europa wegen einer gewissen Regierungsbeteiligung den Kopf schüttelte:
Die Lehre
VI. Digitalstrategie
Digitale Transformation bedeutet nicht, dass ein Generaldirektor jedes technologische Detail selbst beherrschen muss. Wer behauptet, er verstehe die Algorithmen von TikTok, lügt entweder oder ist bei TikTok angestellt. Führung bedeutet etwas anderes: die richtigen Leute zusammenbringen, ihnen zuhören, und daraus eine Entscheidung ableiten, zu der man dann auch steht.
Eine Sache hat sich grundlegend verschoben. Früher hat man Programm für Zielgruppen gemacht: Hausfrau, 39, ländlich, zwei Kinder. Den Menschen gibt es nicht mehr — beziehungsweise: den hat es nie gegeben, man hat ihn nur so lange beschworen, bis alle daran geglaubt haben. Heute schauen Menschen nicht, was für ihre Altersgruppe vorgesehen ist, sondern was sie interessiert. Der 70-jährige Pensionist und der 19-jährige Lehrling schauen womöglich dieselbe Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg und hören danach völlig unterschiedliche Musik. Man nennt das heute Taste Clusters — Publikumsgruppen, die sich über gemeinsame Interessen definieren, nicht über Alter oder Herkunft. Entscheidend ist nicht mehr, auf welchem Sendeplatz etwas läuft, sondern ob es für irgendjemanden wirklich relevant ist.
Daraus folgt etwas Unbequemes: Austauschbares wird wertlos. Was jeder hat, schaut keiner beim ORF. Was den ORF überlebensfähig macht, ist das Unverwechselbare — das, was es nur bei ihm gibt. In der Strategieliteratur heißt das vornehm Originals. Auf der Bühne hätten wir gesagt: Wenn du dasselbe singst wie alle anderen, brauchst du nicht auftreten.
Ich habe den Verdacht, dass in der gegenwärtigen ORF-Debatte niemand so denkt. Dort wird noch in Sendeplätzen, Zielgruppen und Quoten gerechnet, also in der Welt von 1995. Wer den ORF heute „auf Augenhöhe mit den Großen" bringen will, muss zuerst verstehen, dass die Maßstäbe, mit denen gemessen und „saniert" werden soll, selbst veraltet sind. Man kann ein Haus nicht mit einem kaputten Maßband vermessen und sich dann über das Ergebnis wundern.
KI ist ein Werkzeug — kein Ersatz für journalistische, kulturelle und kreative Kompetenz.
Es gibt dafür sogar ein ordentliches Modell. Der Stratege Jay Barney hat Anfang der 1990er die VRIN-Kriterien formuliert: was eine Organisation langfristig erfolgreich macht, sind Ressourcen, die wertvoll, selten, schwer imitierbar und nicht ersetzbar sind. Übersetzt für den ORF heißt das: seine technische Infrastruktur kann man kaufen. Seine Marktposition kann man angreifen. Aber Vertrauen, kulturelle Verankerung und gesellschaftliche Legitimation — das kann man nicht über Nacht herstellen und nicht kopieren. Das ist über Jahrzehnte gewachsen. Und genau deshalb ist es so leichtfertig, es aufs Spiel zu setzen.
Keine moderne Medienstrategie kann die künstliche Intelligenz ignorieren. Sie wird Produktion, Recherche, Archivierung und Distribution verändern, und sie kann öffentlich-rechtlichen Medien helfen, effizienter und präziser zu arbeiten. Der ORF sollte das nicht passiv beobachten, sondern aktiv mitgestalten. Wer wartet, bis sich die Tools durchgesetzt haben, kommt zu spät.
Und doch: das Eigentliche wird die KI nicht ersetzen. Das ist keine sentimentale Hoffnung, das ist eine strukturelle Beobachtung. Was der ORF zu bieten hat, ist ein Urteil, kein Output. Komischerweise haben wir genau das schon im Jahr 1999 gesungen — über das Millennium, den Computer, die digitale Stille:
Das war als Scherz über die Jahrtausendwende-Hysterie gemeint, über den Computer der angeblich um Mitternacht stehenbleibt. 26 Jahre später ist daraus die Bestandsaufnahme einer Gesellschaft geworden, die digital erreichbar und menschlich vereinsamt ist. Genau hier liegt der Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Mediums: nicht das laute Erregen, sondern das gemeinsame Zuhören. Eine KI kann vieles. Zuhören gehört nicht dazu.
Warum die Zielgruppe tot ist — und Korea der Beweis
Wer glaubt, das mit den Taste Clusters sei graue Theorie, soll nach Korea schauen. Koreanischer Content kommt aus einem Land mit rund 52 Millionen Einwohnern, in einer Sprache, die in Europa fast niemand spricht, aus einer Kultur, die den meisten Zuschauern fremd ist. Nach jeder klassischen Zielgruppen-Logik dürfte das in Linz, in São Paulo, in Iowa niemanden interessieren. Tut es aber. Massiv. Und zwar nicht obwohl es maximal koreanisch ist, sondern weil.
Wichtig ist die Unterscheidung: Es sind vor allem Serie und Musik, die die Grenzen überspringen — der Spielfilm tut sich schwerer. K-Drama und K-Pop sind die Lokomotiven. Das ist kein Zufall, sondern eine Eigenschaft der Formate: Eine Serie bindet über Wochen, ein Song über Wiederholung. Beide bauen Communities. Genau das, was im Taste-Cluster zählt.
Befund · K-Content weltweit
Im März 2026 streamte Netflix das BTS-Comeback-Konzert nach der Militärzeit live in über 190 Länder — das erste Live-Event überhaupt, das aus Korea weltweit übertragen wurde. Ergebnis: 18,4 Millionen Zuschauer, Platz 1 in 24 Ländern. Regie führte der Mann, der seit 2010 die Super-Bowl-Halftime-Shows inszeniert. Bühne: vor dem historischen Palasttor in Seoul. Maximal koreanisch.
K-Pop dominiert den globalen Hallyu-Diskurs: 38 % in Lateinamerika, 32 % in Nordamerika, 25 % in Europa. Koreanische Inhalte machen seit 2023 konstant 8 bis 9 Prozent aller weltweiten Netflix-Sehstunden aus — Platz zwei hinter den USA, vor Großbritannien und Japan. Über 80 Prozent aller Netflix-Mitglieder haben koreanischen Content gesehen.
Die Zahl der Hallyu-Fans weltweit: von 9 Millionen (2012) auf 225 Millionen. Das 24-Fache in gut zehn Jahren. 72 Prozent der Koreaner sagen, der Erfolg habe den Tourismus angekurbelt. Kulturelles Kapital, das sich in harte Standortvorteile übersetzt.
Wer schaut sich um vier Uhr früh ein koreanisches Konzert vor einem Palast an? Keine Zielgruppe der Welt fängt das ein. Es ist ein Taste-Cluster: Menschen über Alters-, Sprach- und Ländergrenzen hinweg, verbunden allein durch Interesse. Die Single-Mom, 39, mit zwei Kindern und Sendeplatz am Vorabend — das war einmal die Welt der Mediaplanung. Sie beschreibt dieses Publikum nicht mehr. Sie kann es nicht einmal mehr finden.
Ich gebe zu: Wir arbeiten selbst in diesem Feld, der koreanische Markt ist für uns kein Lehrbuch, sondern Tagesgeschäft — insofern bin ich befangen. Aber das macht die Zahlen nicht falsch. Im Gegenteil, man sieht sie aus der Nähe noch deutlicher.
Und jetzt der Punkt, um den es geht: Korea ist mit 52 Millionen kein Riese, im globalen Maßstab ein kleiner, eigenständiger Kulturraum — und gewinnt genau deshalb, weil es ganz es selbst ist. Österreich ist kleiner. Das ändert das Prinzip nicht, nur den Maßstab. Der ORF hat erst vor Kurzem bewiesen, dass er Live, Großereignis und kulturelle Identität auf Weltniveau zusammenbringt: den Eurovision Song Contest in Wien. Die Disziplin beherrscht er also. Was fehlt, ist nicht das Können. Was fehlt, ist die Einsicht, dass das Unverwechselbar-Österreichische keine sentimentale Nische ist, sondern die einzige Ressource, die im Zeitalter der Taste Clusters überhaupt noch verteidigbar ist.
Ausbau des digitalen Angebots — und die notwendige Gesetzgebung
Der Kern einer digitalen Strategie für den ORF ist im Grunde einfach: alles, was öffentlich-rechtlich produziert wird, muss dort verfügbar sein, wo Öffentlichkeit heute tatsächlich stattfindet. On demand, plattformübergreifend, barrierefrei, in hoher technischer Qualität — und ohne künstliche Verfallsdaten für gesellschaftlich relevante Inhalte.
Darüber hinaus braucht es Formate, die tatsächlich für digitale Nutzung entwickelt werden — nicht bloß Fernsehsendungen, die zusätzlich ins Netz gestellt werden. Podcasts, dokumentarische Shortforms, interaktive Formate, digitale Erzählformen. Sie entscheiden, ob jüngere Publikumsgruppen öffentlich-rechtliche Inhalte überhaupt noch wahrnehmen.
Der eigentliche Hemmschuh liegt nicht im ORF, sondern im gesetzlichen Rahmen. Das ORF-Gesetz beschränkt die digitale Entwicklung deutlich stärker als vergleichbare europäische Modelle. Diese Einschränkungen sind historisch nachvollziehbar — Ergebnis politischer Kompromisse, insbesondere mit privaten Medienunternehmen und Printverlagen, die eine zu starke Marktposition des ORF im Digitalen befürchten. Diese Sorge ist legitim. Die Antwort darauf kann jedoch nicht sein, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk digital strukturell zu schwächen, während die Plattformen aus dem Silicon Valley jeden Markt aufkaufen, der nicht bei drei auf dem Baum ist.
Qualität als messbares Versprechen
Digitale Transformation bedeutet nicht nur neue Kanäle. Sie bedeutet eine neue Qualitätsdebatte. Was ist Qualität im digitalen ORF?
Klickzahlen sind das falsche Maß.
Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der nach Klicks optimiert, verliert seinen Auftrag. Was zählt, ist anderes.
Verlässlichkeit — nicht Reichweite. Wem vertrauen Menschen in Krisen?
Relevanz — nicht jeder Klick ist gleich viel wert. Entscheidend sind Tiefe, Wissensgewinn, gesellschaftliche Bedeutung.
Orientierung — öffentlich-rechtliche Nachrichten bieten einen gemeinsamen Referenzpunkt für gesellschaftlich Wichtiges. In einer fragmentierten Medienöffentlichkeit ist das Gold wert.
Kohäsion — der Markt misst Reichweite und optimiert Zielgruppen. Der ORF verbindet unterschiedliche Alters- und Gesellschaftsgruppen. Das macht er als einziger.
Kulturelles Gedächtnis — der ORF produziert nicht nur Content. Er bewahrt österreichische Geschichte, Sprache, Bilder, Debatten.
Vertrauen als Marktanteil — wichtiger als Zuschauerzahlen ist die Frage: Welchem Medium vertraut die Bevölkerung? Der eigentliche Marktanteil ist Vertrauen.
Bedeutung statt Reaktion — private Plattformen organisieren aufgeregte Aufmerksamkeit. Öffentlich-rechtliche Medien organisieren Relevanz. Das ist nicht dasselbe. Es war nie dasselbe. Es wird nie dasselbe sein.
Dass das reine Zählen in die Irre führt, ist keine neue Erkenntnis. Wir haben in den 1990er-Jahren versucht, Medienpräsenz nicht nur quantitativ, sondern nach Themen und Bedeutung zu messen — und mussten zur Kenntnis nehmen, dass die meisten trotzdem nur die nackten Zahlen sehen wollten. Mein Befund von damals gilt für die Klickzahlen-Logik von heute unverändert:
Wolfgang Ritzberger · LinkedIn · 2026
„Der französische Philosoph André Glucksmann hat in seiner Bilanz über das 20. Jahrhundert gemeint: Das falsche Denken ging dem katastrophalen Handeln voraus.
Würde die nackte Präsenz auch nur irgendeine Auswirkung auf Ansehen, Wahlerfolg oder Stimmung haben, dann wären die kursierenden Umfragen net amol den Strom wert, den die Computer fürs Berechnen verbrauchen.“
— über die Vermessung von Medienpräsenz nach reiner Quantität. Wer Qualität nach Klicks misst, macht denselben Fehler. Falsches Denken zuerst, katastrophales Handeln danach.
VII. Der neue ORF braucht Verbündete
Die Allianz mit dem Publikum — die wichtigste
In den 1980er Jahren, als ich das aufkommende Regionalfernsehen im Studio Niederösterreich miterleben und mitgestalten durfte, wurden ORF-Teams beim Außendreh noch willkommen geheißen. Mittagessen wurde angeboten, Schlüssel zur Garage übergeben, Kaffee in der Werkstatt eingeschenkt.
Mittlerweile muss man aufpassen, nicht mit dem Stecken vom Hof gejagt zu werden.
Das ist eine beobachtbare Verschiebung, keine Übertreibung. Und es ist die eigentliche strukturelle Krise des ORF, mehr als jede Finanzierungsfrage. Was ist da geschehen? Wie konnte es dazu kommen, dass alle ORF-Mitarbeiter in der öffentlichen Wahrnehmung hunderttausende Euro pro Jahr kassieren? Was wurde versäumt, verschlafen, zugelassen?
Dem Publikum muss erklärt werden, warum es den ORF finanziert. Und dass mit den Rundfunkbeiträgen sorgsam umgegangen wird. Da werden keine Werbekampagnen helfen, keine noch so ausgeklügelten PR-Strategien. Was hilft, ist die ehrliche Antwort auf drei einfache Fragen:
Was bekomme ich für mein Geld?
Was würde fehlen, wenn es den ORF nicht gäbe?
Wer ist dann die österreichische Stimme?
Die Allianz mit der Politik — klar und ohne Illusionen
Die Politik schafft die Rahmenbedingungen und definiert die Spielregeln. Wer das ignoriert, agiert naiv. Jeder darf sich etwas wünschen, jeder darf sich beschweren, jeder darf seine Meinung sagen — das ist das gute Recht aller in einer Demokratie. Daraus abzuleiten, dass sich der ORF daran halten muss, wäre allerdings ein Missverständnis des öffentlich-rechtlichen Auftrags.
Aber: Der ORF muss der Politik Möglichkeiten bieten, sich und ihre Anliegen darzustellen. Das ist demokratische Normalität, kein Staatsfunk. Die Pressestunde war so gedacht — und es gibt Raum für neue Formate dieser Art. Kritik aus der Politik ist eine Erkenntnisquelle. Druck aus dieser Richtung auszuhalten ist Aufgabe der Führung. Und es gilt, diesen Druck von den Redaktionen fernzuhalten.
Es gibt da übrigens auch ein Lied dazu. Wo es darum geht, wer im Revier markiert.
Das ist nicht nur ein Lied über Hunde. Es ist ein Lied über das, was nach einem Regierungswechsel mit einer Institution wie dem ORF geschieht, wenn man nicht aufpasst. Die Reviere werden neu markiert. Das ist normal in der Politik. Es darf nur nicht normal werden in der Redaktion.
Wie schmal der Grat ist, zeigte sich Anfang 2026, als ein FPÖ-Wahlkampflied in den Ö3-Charts auftauchte und sofort die übliche Empörungsmaschinerie ansprang. Ich habe als ehemaliger Ö3-Mitarbeiter dazu eine klare Haltung — und die hat nichts mit Parteipolitik zu tun, sondern mit dem Selbstverständnis eines öffentlich-rechtlichen Senders:
Wolfgang Ritzberger · LinkedIn · 2026
„Hitparade hin oder her, und auch wenn es das Rundfunkgesetz angeblich nicht verbietet: Ich hätte ein Lied mit Parteiwerbung einfach nicht gespielt. Wurscht welche Partei, wurscht welches Lied und wurscht welche Sendung.
Weil: Der FPÖ kann es der ORF ohnehin nicht recht machen.“
— Haltung ist keine Frage des Gesetzes, sondern des Selbstverständnisses. Übrigens ließ ich als Theuer & Schlächt den Herbert Kickl auf der Bühne „Ihr kummts zruck“ singen. Auch das ist eine Form der Auseinandersetzung — nur die ehrlichere.
Die Allianz mit der Filmwirtschaft — ein brachliegender Schatz
Die Filmwirtschaft ist ein natürlicher Partner des ORF, kein bloßer Zulieferer. Das Film- und Fernsehübereinkommen ist ein Anfang, kein Endpunkt. Hier sehe ich erhebliche Luft nach oben: Koproduktionsstrukturen, gemeinsame Entwicklung von Stoffen, eine stärkere Verankerung des österreichischen Films in der ORF-Primetime. Eine echte Allianz würde beiden nützen. Daran scheitert es nicht zuletzt deshalb, weil das eine Mühe machen würde, und Mühe macht weniger Schlagzeilen als Sparankündigungen.
Wie schnell eine Branche fallen kann, wenn die Politik sie für verzichtbar hält, haben wir 2025 erlebt. Die Kürzung der Filmförderung — ÖFI+ ersatzlos gestrichen, mehr als die Hälfte der Kultureinsparungen auf dem Rücken des Films — war keine Strukturreform. Sie war die Entscheidung, sich die Gegenwehr dort zu holen, wo am wenigsten kommt. Ich habe das damals so aufgeschrieben, und ich stehe dazu:
Wolfgang Ritzberger · LinkedIn · 2026
„Nichts ist einfacher, als denen das Geld wegzunehmen, die einem eh wurscht sind.
Erst schmeiß ich dich in die eiskalte Donau, um dann festzustellen, dass du gerettet werden musst. Danke, Herr Minister, warat net notwendig gewesen.“
— über die Streichung der Filmförderung und die nachgereichte Erzählung vom „Dialog auf Augenhöhe“. Wer mit einer Branche so umgeht, geht morgen mit dem ORF genauso um. Die Mechanik ist dieselbe.
Die Allianz mit Mitbewerbern und Kritikern
Auch die Konkurrenz sollte einbezogen werden. Ein starker ORF nützt einem starken österreichischen Mediensystem insgesamt, weil er Standards setzt. Die Printmedien, die den ORF in der digitalen Frage bekämpfen, sind dieselben Medien, die von einem glaubwürdigen öffentlichen Qualitätsstandard profitieren. Auch Kritiker des ORF und seiner Konstruktion sind produktiv. Man muss ihnen zuhören. Und manchmal sogar Recht geben.
VIII. Führungsphilosophie
Ich reflektiere hier Erfahrungen — nicht mehr und nicht weniger. Als junger Redakteur hatte ich das Privileg, unterschiedliche Führungsstile aus der Nähe zu erleben. Beeindruckend war natürlich Gerd Bacher.
Gerd Bacher war vor allem eines: ein hervorragender Journalist. Einer, der sich bei den Salzburger Nachrichten Schlachten mit seinem Chefredakteur geliefert hat — heute kaum mehr vorstellbar. Wer selbst gelernt hat, einem Mächtigen zu widersprechen und dafür einzustehen, weiß aus eigener Erfahrung, was Widerspruch wert ist. Bacher wusste das. Deshalb hat er Querdenker nicht geduldet, sondern gesucht. Er kannte den Unterschied zwischen jemandem, der widerspricht, weil er Recht haben will — und jemandem, der widerspricht, weil er Recht hat oder davon überzeugt ist.
Ein Haus, in dem nur noch genickt wird, produziert Mittelmäßigkeit.
Nicht weil die Menschen mittelmäßig wären, sondern weil Mittelmäßigkeit das einzige ist, das in einem solchen Klima überleben kann. Talent geht. Ehrgeiz geht. Übrig bleibt die Verwaltung der Reste.
Ein Postkasten im ORF-Atrium, offen für Ideen und Anregungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wäre nach zwei Wochen randvoll. Und hätte mehr substanzielle Reformvorschläge geliefert als manches teure Consulting-Projekt, von dem die meisten so leise eingelagert werden, dass nicht einmal die Festplatte etwas merkt.
Die besten Ideen für den ORF sind bereits im Haus. Sie warten nicht auf Erlaubnis. Sie warten auf Gehör.
Raum schaffen für Exzellenz, die bereits vorhanden ist. Den Karrieristen — nicht den Ehrgeizigen, das ist ein wesentlicher Unterschied — den Weg abschneiden. Entscheidungen treffen und dazu stehen. Und den Druck von außen dort abfangen, wo er hingehört: an der Spitze, nicht in den Redaktionen.
Es gibt eine Versuchung, über die man reden muss: die Verklärung der guten alten Zeit. Wir haben darüber sogar ein Lied gemacht — über die Sozialdemokratie, die sich in der Opposition an die Zeit erinnert, als noch alles klar war:
Die Mechanik des Liedes ist die Mechanik jeder Nostalgie: Früher war alles besser, weil man heute mit dem Heute nicht zurechtkommt. Damit ich nicht in dieselbe Falle tappe, sage ich es klar: Als der Bacher noch Generalintendant war, gab es viel Streit und wenig Mittelmaß. Das ist nicht nostalgisch gemeint, sondern als Beschreibung dessen, was eine Führung leisten kann, wenn sie den Widerspruch nicht fürchtet. Es geht nicht darum, Bacher zu kopieren — das wäre absurd und ginge schief. Es geht um das Prinzip dahinter: ein Haus lebt von Reibung, nicht von Ruhe.
Eine Führung, die den Druck von außen abfängt, braucht eine Eigenschaft, die man nicht im Lebenslauf nachweisen und nicht im Assessment-Center messen kann. Ich habe sie einmal, in einem anderen Zusammenhang, so beschrieben:
Wolfgang Ritzberger · LinkedIn · 2026
„Mut hat er — wobei Mut angeblich nur zählt, wenn man auch in der Lage ist, die Gefahren zu erkennen.“
— Genau das ist die Anforderung an die Spitze des ORF. Nicht Mut als Pose, sondern Mut mit offenen Augen. Wer die Gefahren nicht sieht, ist nicht mutig, sondern nur unvorsichtig.
IX. Zu meiner Person
Dieses Konzept beginnt nicht mit mir — und es endet auch nicht mit einer Bewerbung. Einige Klarstellungen sind mir jedoch wichtig, damit weniger spekuliert werden muss.
Meine Tätigkeit als Pressesprecher von Wolfgang Schüssel liegt dreißig Jahre zurück. Meine Mitgliedschaft in einer CV-Verbindung ist bekannt und öffentlich. Wer daraus eine aktuelle politische Festlegung ableiten möchte, übersieht meine berufliche Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte: kein Parteibuch, keine politisch abgesicherte Karriere innerhalb staatsnaher Strukturen, keine Aufsichtsratsfunktionen. Stattdessen: unabhängige Filmproduktion, Lehrtätigkeit, Publizistik, unternehmerische Tätigkeit.
Ich bin ORF-sozialisiert. Fast zwanzig Jahre als Journalist, Redakteur und Regisseur haben mich geprägt — von 1978 bis 1996. ZIB 2, Hörfunk, Lokalfernsehen. Ich kenne das Haus von innen. Ich kenne die Politik von innen. Ich kenne die Filmindustrie von innen. Und ich kenne mehr Anekdoten als gut für mich ist.
Ich bin dem ORF für vieles dankbar. Ich hatte Vorgesetzte, die mir Möglichkeiten eröffnet und Vertrauen geschenkt haben, von denen ich lernen durfte. Ich habe auch negative Erfahrungen gemacht. Aus beidem schöpfe ich. Aus beidem habe ich gelernt.
Natürlich wird ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk niemals völlig unabhängig von Politik sein können. Das wäre naiv zu erwarten. Die Politik definiert die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer der ORF arbeitet. Gerade deshalb braucht es eine Geschäftsführung, die mit allen relevanten Stakeholdern gesprächs- und arbeitsfähig bleibt — mit dem Gesetzgeber, mit privaten Medien, mit der Kultur, mit der Wirtschaft, mit der Gesellschaft selbst.
Publizistische Unabhängigkeit zeigt sich nicht im Fehlen von Beziehungen, Biografien oder Standpunkten. Sondern in der Fähigkeit, trotz all dessen frei urteilen zu können.
Die Vorstellung völliger Distanz ist oft eher Fiktion als Realität. Genau darin liegt eine der eigentlichen Herausforderungen dieser Bestellung — sofern die Idee eines unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks mehr sein soll als bloße Rhetorik.
Fazit
Der ORF braucht keine Sanierung, kein Management-Consulting und keine technokratischen Rettungsphantasien. Er braucht eine programmatische und auch eher symbolische Neugründung auf Basis dessen, was er schon ist: das verlässlichste österreichische Medium, mit exzellenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einem einzigartigen gesetzlichen Auftrag und der historischen Chance, sich als kulturelles Kapital Österreichs neu zu verankern.
Wer dieses Papier liest, wird bemerken, dass es an mehreren Stellen allgemein bleibt. Das ist Absicht. Strukturpläne, organisatorische Maßnahmen und konkrete Entwicklungslinien gehören nicht in einen publizistischen Beitrag, sondern in vertrauliche Gespräche mit jenen, die solche Entscheidungen tatsächlich zu treffen haben. Sofern Interesse an Substanz besteht. Was, ehrlich gesagt, nicht der historische Regelfall solcher Verfahren ist.
Schluss
Vertrauen lässt sich nicht downloaden.
Wolfgang Ritzberger, M.A.
Wien, 26. Mai 2026
Nachbemerkung
Was bleibt, wenn das Verfahren vorbei ist.
Anfang Juni entscheidet der Stiftungsrat. Der ORF bekommt einen neuen Generaldirektor. Höchstwahrscheinlich jemanden, der in den Zeitungen seit Wochen genannt wird. Und das ist in Ordnung — so funktioniert das Verfahren, das sich Österreich gegeben hat.
Was bleibt, ist die Diskussion über das, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk in diesem Land sein soll. Dazu wollte ich beitragen — als jemand, der das Haus aus eigener Erfahrung kennt, der die Filmwirtschaft kennt, der die Medienpolitik aus dreißig Jahren Distanz kennt. Und der mit Theuer & Schlächt einen Teil dieser Geschichten auch schon gesungen hat, als sie noch in der Zukunft lagen.
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Zur Person
Wolfgang Ritzberger, geboren 1961 in Wien, arbeitete von 1978 bis 1996 beim ORF — als Redakteur in der ZIB 2, im Hörfunk (Ö3, Schulfunk, Kinderfunk) und im Lokalfernsehen des Studio Niederösterreich. Heute ist er als Produzent, Regisseur, Autor und Buchverleger tätig.
Sein erfolgreichstes Werk als Produzent ist Die beste aller Welten (2017), uraufgeführt bei der Berlinale 2017. Der Film wurde mit dem Österreichischen Filmpreis für besten Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Hauptdarstellerin und besten Nebendarsteller ausgezeichnet sowie mit mehr als 100 weiteren nationalen und internationalen Preisen. Ritzberger selbst bekam dafür eine Goldene Romy, den österreichischen Filmpreis und den Produzentenpreis der Diagonale.
Von 2005 bis kurz nach Ende der COVID-Pandemie war Ritzberger Chefredakteur des Fachmagazins mediabiz. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und schloss ein Studium der Film- und Medienwissenschaften an der Universität für angewandte Wissenschaften St. Pölten mit dem Akademischen Grad Master of Arts ab. Seit 2021 ist er nebenberuflicher Lektor an der USTP im Bereich nachhaltige Film- und Medienproduktion. Als zertifizierter Green Film Consultant berät er Filmproduktionen und Veranstaltungen.
Gemeinsam mit dem Dirigenten und Komponisten Guido Mancusi gestaltete er seit 1999 das politische Kabarett Theuer & Schlächt — fünf abendfüllende Programme, dokumentiert auf YouTube.






